Muskelerhalt im Alter
Anästhesist Klaus van Ackern beschäftigte sich mehr als sieben Jahre mit der Wirkung und der richtigen Zusammensetzung von Eiweiß, auch für Senioren. „Ich weiß, wie wichtig Muskelerhalt im Alter ist“, sagt Klaus van Ackern. Der ehemalige Intensivmediziner am Universitätsklinikum Mannheim, hat zum Erhalt und Aufbau der Muskulatur im Alter geforscht. Für den 75-jährigen Mediziner ist es eine Herzenssache, ältere Menschen zu ermutigen, vitaler zu leben. Magerquark, Fleisch, Hülsenfrüchte oder Gemüse sind Hauptbestandteile einer Sportlermahlzeit. Davon am besten so viel wie möglich. Der Körper will Ballaststoffe, Vitamine, Mineralien und vor allem eins: Eiweiß.

Van Ackerns arbeitete mehr als 40 Jahre auf Intensivstationen. Nach aufwändigen OPs ist eine längere Beobachtung in den Kliniken Usus. „Die Zeit nach einer Operation war für meine Eiweißforschungen sehr wichtig“, erzählt van Ackern. Er beobachtete: Patienten verlieren im Krankenhaus an Muskulatur. Langes Liegen und Veränderungen des Stoffwechsels unter dem Stress der Krankheit sind hierfür die wesentlichen Gründe.

Sarkopenie
Der Glaube, dass die Kombination aus Liegen und wenig Ernährung zuerst an die Fettpolster geht, ist falsch: Fett ist eine Reserve, Muskeln sind der Motor, die unseren Körper bewegen. Van Ackern verdeutlicht: „Wenn der Muskel nicht mehr gebraucht wird, baut er von alleine ab.“ Zuerst zieht der Körper Energie aus den Muskeln, anschließend aus dem Fett. Fachleute sprechen hier von Sarkopenie. Warum diese im Alter eintritt, ist noch nicht vollständig erforscht. Ärzte nennen das „Anabole Resistenz des Alters“. Das bedeutet: Senioren verlieren Muskeln, weil sie den gestiegenen Eiweißbedarf nicht stillen und sich weniger be­wegen.

Eiweißbedarf beachten
Sarkopenie kann aber jeden treffen, nicht nur nach einer OP. Alle Menschen ab dem 35. Lebensjahr leiden mehr oder weniger unter Muskelschwund. Das sollte jedoch niemanden ent­mutigen. „Es ist ein Irrtum zu glauben, dass Senioren keine Muskeln mehr aufbauen können“, erklärt van Ackern. Es ginge zwar langsamer aber es ginge. Damit es funktioniere, sei es wichtig auf seinen Eiweißhaushalt zu achten.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt bei jungen Menschen bis 35 Jahren eine tägliche Eiweißzufuhr von 0,8 Gramm pro Kilogramm Körpergewicht. Danach liegt die Schwelle bei zirka 1,5 Gramm pro Kilo. Ein junger Mensch, der 80 Kilo wiegt, benötigt also etwa 64 Gramm Eiweiß. So viel steckt in einem 500 Gramm Becher Quark oder in zwei Steaks. Mit 60 Jahren hat sich der Bedarf auf rund 120 Gramm Eiweiß fast verdoppelt. In der Menge gesprochen sind das 1,5 Kilo Bohnen oder ein Kilo Quark pro Tag. Das ist viel. Zu beachten sei, dass aktive Sportler einen höheren Grundumsatz haben und einen höheren Protein-Bedarf haben.

Studienergebnisse
Van Ackern und Mitarbeiter des Universitätsklinikums Mannheim führten weitere Untersuchungen an Probanden zwischen 60 – und 80 Jahren durch. Einen Monat haben Testpersonen in den Pfitzenmeier Sportstudios in Mannheim Sport getrieben. Die Trainingspläne waren in Form von Ausdauer- und Krafttraining standardisiert. Nach einer Kontrollphase von vier Wochen Sport ohne Eiweißzufuhr, nahmen sie bei gleicher sportlicher Betätigung zusätzlich ein Proteinkonzentrat. Erstes Resümee: Senioren ohne Proteingabe bauten Fett ab, legten jedoch kaum an Muskulatur zu. Entzog man das Eiweiß und ließ sie weiterhin Sport treiben, so baute die Muskulatur wieder auf den Ausgangswert ab. Die Testpersonen mit stetiger Eiweißzufuhr verzeichneten letztendlich einen Muskelzuwachs von bis zu 2,7 Kilo. Doch Eiweiß ist nicht gleich Eiweiß. Der leckerste Eiweißshake kann vom Körper nicht für den Muskelaufbau verwendet werden, wenn dieser nicht das richtige Muster von Aminosäuren, Peptiden und Proteinen aufweist.

Sturzgefahr senken
Wer Sport treibt und Eiweiß zu sich nimmt, senkt zudem seine persönliche Sturzgefahr. Weil die Muskulatur geschwächt ist und die Koordination nicht mehr funktioniert, stürzen Menschen im Alter. Darüber hinaus gibt es Hinweise, dass Muskelarbeit den Ausbruch einer Demenz oder Alzheimer zeitlich nach hinten verschieben kann. Wortwörtlich können aktive Menschen dem Alzheimer davonlaufen. „In den vergangenen Jahren konzentrierte sich die Forschung auf Osteoporose. Jetzt beginnt das Jahrzehnt der Sarkopenie“, sagt auch ­Cornel Sieber, Chefarzt der Klinik für Allgemeine Innere Medizin und Geriatrie in Regensburg. Bestes Mittel gegen Sarkopenie sei laut einer Reihe wissenschaftlicher Studien Eiweiß sowie Kraft- und Ausdauertraining. „Aktive Menschen altern besser“, fasst Klaus van Ackern zusammen.

 

Autor: Hendrik Stüwe
Quelle: F&G – Fitness und Gesundheit (13.04.2017) Link